Reverse Graffiti als künstlerische Technik – Meine Entwicklung von der Straße zum Beton als Bildträger

Rever­se Graf­fi­ti – Bezie­hung zu einer Technik

Vor rund fünf­zehn Jah­ren begann mei­ne Lauf­bahn als Street-Art-Künstler im öffent­li­chen Raum mit der Ent­wick­lung mei­ner eige­nen Reverse-Graffiti-Technik. In die­ser frü­hen Pha­se sam­mel­te ich ers­te prak­ti­sche Erfah­run­gen im urba­nen Umfeld. Zudem erhielt ich Rück­mel­dun­gen von Ord­nungs­kräf­ten und lern­te den Umgang mit Poli­zei und Medi­en ken­nen. Die­se Begeg­nun­gen waren prä­gend und schärf­ten mein Bewusst­sein für die Wir­kung von Kunst im öffent­li­chen Raum. Auch wenn ich mich nach eini­gen Jah­ren künst­le­risch teil­wei­se neu aus­rich­te­te und ande­re Tech­ni­ken und Aus­drucks­for­men hin­zu­ka­men, hat mich Rever­se Graf­fi­ti nie los­ge­las­sen. Die Metho­de blieb stets ein stil­ler Beglei­ter mei­ner Arbeit. Außer­dem kehr­te sie immer wie­der als gedank­li­cher und gestal­te­ri­scher Bezugs­punkt zurück.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren habe ich inten­siv mit Mate­ria­li­en und Ober­flä­chen expe­ri­men­tiert und deren Eigen­schaf­ten unter­sucht. Beton, als Sinn­bild des urba­nen Raums und als Bild­trä­ger vie­ler mei­ner Arbei­ten, ist dabei zu einem täg­li­chen Weg­be­glei­ter im Ate­lier gewor­den. Sei­ne Mate­ria­li­tät, sei­ne Schwe­re und sei­ne unmit­tel­ba­re Ver­bin­dung zur Archi­tek­tur der Stadt machen ihn zu einem idea­len Trä­ger für mei­ne Inhalte.

Die Wei­ter­ent­wick­lung von Beton­ober­flä­chen als künst­le­ri­scher Hin­ter­grund erfüllt inzwi­schen die Vor­aus­set­zun­gen, um selbst zum Trä­ger von Rever­se Graf­fi­tis zu wer­den. Das ist ein ent­schei­den­der Schritt, um die­se ursprüng­lich im Stadt­raum ent­stan­de­ne Tech­nik in einen neu­en Kon­text zu über­füh­ren. Damit wird sie auch für den Kunst­markt zugäng­lich gemacht.

Der gefun­de­ne Kom­pro­miss zwi­schen gerin­gem Gewicht und aus­rei­chen­der Sta­bi­li­tät, zwi­schen Dich­te und Wider­stands­kraft, erlaubt es mir heu­te, Beton so zu bear­bei­ten, dass Rever­se Graf­fi­tis auf die­sem für mich zen­tra­len Mate­ri­al umge­setzt wer­den kön­nen. Somit ent­steht eine direk­te Ver­bin­dung zwi­schen Ursprung und Wei­ter­ent­wick­lung mei­ner Arbeit. Sie führt vom öffent­li­chen Raum ins Ate­lier und zurück in einen neu­en künst­le­ri­schen Kontext.

Was ist Rever­se Graf­fi­ti und wie funk­tio­niert die­se Technik?

Rever­se Graf­fi­ti ist eine nicht-additive Form der Street Art, bei der ein Motiv nicht durch das Auf­tra­gen von Far­be ent­steht. Viel­mehr ent­steht es durch das geziel­te Ent­fer­nen von Schmutz auf ver­schmutz­ten Ober­flä­chen. Mit­hil­fe von Was­ser, Bürs­ten, Scha­blo­nen oder Hoch­druck­rei­ni­gern wer­den zuvor ver­schmutz­te Flä­chen par­ti­ell gerei­nigt. Dadurch wird das Motiv als Kon­trast zwi­schen gerei­nig­ten und unge­rei­nig­ten Berei­chen sicht­bar. Die Tech­nik nutzt damit den vor­han­de­nen Schmutz als gestal­te­ri­sches Mate­ri­al und macht den Zustand des urba­nen Raums selbst zum Bestand­teil des Bildes.

Sym­bo­lisch trägt Rever­se Graf­fi­ti eine beson­de­re Bedeu­tung: Der Akt des Rei­ni­gens wird zum künst­le­ri­schen Pro­zess. Das Ent­fer­nen von Schmutz kann als Meta­pher für Erneue­rung, Sicht­bar­ma­chung und Trans­for­ma­ti­on ver­stan­den wer­den. Doch es ist ein Ein­griff, der nicht zer­stört, son­dern freilegt.

In die­sem Sin­ne steht Rever­se Graf­fi­ti nicht nur für eine ästhe­ti­sche Tech­nik, son­dern auch für eine Hal­tung. Es steht für das Sicht­bar­ma­chen ver­bor­ge­ner Struk­tu­ren und für die Mög­lich­keit, durch geziel­te Ver­än­de­rung neue Per­spek­ti­ven auf den urba­nen Raum zu eröffnen.